„Links, weiter links, noch zwei Zentimeter links. Genau da!“
Ein Unfallermittler der Polizei kniet auf dem Asphalt der ehemaligen B442 kurz vor dem Ortsausgang von Eimbeckhausen, eine mehr als 50 Meter lange Driftspur im Blick, die von der rechten Spur deutlich auf die Gegenfahrbahn und dann zu zwei Unfallwracks führt.
Mit knappen Kommandos gibt er einer Kollegin Anweisungen, wo sie Kreidestriche zu platzieren hat um die Spur zu markieren, solange sie vor dem nahenden Sonnenuntergang noch mit bloßem Auge zu sehen ist.
Am Ende der Driftspur kümmern sich in diesem Moment noch Ersthelfer und der Rettungsdienst um vier zum Teil schwerverletzte Menschen.
Sie liegen auf beiden Seiten der Fahrbahn im Grünstreifen und auf dem Radweg, wo sie Ersthelfer hingebracht und betreut hatten.
Die Notfall- und Rettungssanitäter haben alle Hände voll zu tun. Sie stabilisieren Kreisläufe, legen Beckengurte an um mögliche innere Blutungen zu stoppen, immobilisieren Halswirbelsäulen, versorgen offene Wunden und legen die Verletzten in Vakuum-Matratzen.
Ungeheure Aufprallenergie
Dazwischen auf der Fahrbahn stehen in einem weiten Trümmerfeld zwei Wracks. Es müssen ungeheure Kräfte beim Aufprall gewirkt haben.
Hier ein, optisch nagelneuer, zerstörter Hyundai i30N mit Nienburger Kennzeichen, also eine hochmotorisierte Sportvariante des Standard-Modells.
In ihm waren ein 21-jähriger Fahrer und ein 33-Jähriger unterwegs.
Der Motorbereich ist auf die Hälfte zusammengestaucht, im Inneren haben die Airbags ausgelöst.
Pizzakartons mit noch warmer Pizza liegen im Fußraum der Beifahrerseite.
Etliche Meter entfernt steht ein stark beschädigter VW-Bus aus der Region Hannover, in dem eine 57-jährige Frau und ein 58-jähriger Mann gesessen hatten.
Beim Zusammenstoß waren offensichtlich beide Fahrzeuge wieder weit voneinander abgeprallt.
Aus dem Hyundai steigt Rauch auf. Die Feuerwehr Eimbeckhausen kühlt mit Wasser und verhindert so, dass ein offenes Feuer entstehen könnte.
Beide Unfallautos verlieren Öl und Betriebsstoffe, die von der Feuerwehr mit Bindemitteln gesichert werden.
RTW der DRK-Bereitschaft Bakede ist zufällig in Eimbeckhausen
Die Alarmierung der ersten Helfer war gegen 17.30 Uhr erfolgt.
Einer der Rettungswagen aus Bad Münder war zu diesem Zeitpunkt bei einem anderen medizinischen Notfall im Stadtgebiet im Einsatz, zusammen mit dem Rettungshubschrauber Christoph 4.
Da es im Bereich der Rettungswache Bad Münder tagsüber nur zwei Rettungswagen gibt, mussten die anderen Rettungsfahrzeuge aus weit entfernten Standorten anrücken.
Zufällig befand sich ein Rettungswagen der DRK-Bereitschaft aus Bakede in Eimbeckhausen auf der Rückfahrt von einer Veranstaltung.
Die beiden Ehrenamtlichen trafen mit als erste Helfer ein und gaben nach der ersten Sichtung der Einsatzstelle eine konkrete Rückmeldung an die Leitstelle.
Mit der Feuerwehr Eimbeckhausen traf kurz darauf eine weitere Rettungsdienst-Mitarbeiterin ein, die sich zusätzlich ehrenamtlich in der Feuerwehr engagiert und nun ebenfalls um die Verletzten kümmerte.
Zufällig war wohl auch ein Rettungswagen einer auswärtigen Wache nach einem Einsatz im Ortsteil Klein Süntel frei und wurde von der Leitstelle direkt zum Unfallort geschickt.
Nach rund 15 Minuten waren genügend Rettungsfahrzeuge am Einsatzort eingetroffen, um alle Verletzten adäquat versorgen zu können.
Die Leitstelle hatte letztlich vier Rettungswagen, drei Notärzte und den, mit einem weiteren Notarzt besetzten, Rettungshubschrauber Christoph 13 aus Bielefeld zur Einsatzstelle alarmiert.
Wohin mit den Patienten?
Nach und nach können die Retter alle Verletzten in die Rettungswagen bringen, um sie für einen Transport zu stabilisieren und noch einmal gründlich zu untersuchen.
Doch dann gerät die Rettungskette ins Stocken: Die Notärzte haben Probleme, alle Verletzten in passenden Krankenhäusern unterzubringen.
So wird es schwierig, die „Goldene Stunde des Traumas“ einzuhalten, nach denen schwerverletzte Patienten möglichst innerhalb einer Stunde nach dem Unfall im Schockraum der behandelnden Klinik ankommen sollen.
Nach meinen Informationen lehnt zum Beispiel die MHH die Aufnahme ab.
Nach minutenlangem telefonischen Ringen und Diskutieren werden die Verletzten in einem weiten Umkreis um den Unfallort verteilt:
Drei von ihnen werden in die Krankenhäusern Hannover-Nordstadt (43km), Vehlen (32km) und Minden (45km) gefahren, ein Verletzter nach Bielefeld (65km Luftlinie) geflogen.
Kurz vor Sonnenuntergang sind schließlich alle Verletzten auf dem Weg in die Krankenhäuser.
Feuerwehr unbezahlt mehr als sechs Stunden im Einsatz
Für die Feuerwehrleute ist die ehrenamtliche Arbeit jedoch noch nicht getan.
Um die Unfallermittler der Polizei bei der Spurensicherung zu unterstützen, bauen sie Scheinwerfer auf, die von tragbaren Generatoren mit Strom versorgt werden und die Unfallstelle nach Sonnenuntergang großräumig ausleuchten.
Nach dem ersten Alarm gegen 17.30 Uhr stehen sie dadurch noch bis weit in die Nacht an der Unfallstelle.
Unbezahlt und freiwillig.
Unfallursache: 21-Jähriger wohl deutlich zu schnell
Die Polizei geht nach ersten Informationen vom Sonntag davon aus, dass der junge Fahrer mit sehr hoher Geschwindigkeit in die Kurve gefahren war.
Dort sind wegen möglicherweise kreuzender Radfahrer nur 50 km/h erlaubt, sie ist aber bei trockener Fahrbahn noch mit 70-80 km/h befahrbar (was viele Fahrer dort auch ausnutzen).
Bereits an der Einsatzstelle war herauszuhören, dass eine Geschwindigkeit von deutlich über 100km/h im Raum stehen könnte.
Ob die zuvor gekaufte Pizza schnell nach Hause gebracht werden sollte oder der junge Fahrer einfach grundlos aufs Gaspedal trat, konnte die Polizei bisher nicht in Erfahrung bringen.
Ermittlungen wegen illegalem Rennen
Die Polizisten ermitteln gegen den 21-Jährigen, der auch Halter des Hyundais ist, nun nach ersten Informationen vom Sonntag nicht nur wegen fahrlässiger gefährlicher Körperverletzung, sondern auch wegen Straßenverkehrsgefährdung und des Verdachts eines illegalen Straßenrennens.
Ein konkurrierendes Auto muss für diesen Tatbestand nicht beteiligt gewesen sein:
Auch wer solo mit nicht angepasster Geschwindigkeit grob verkehrswidrig und rücksichtslos fährt, um eine möglichst hohe Geschwindigkeit zu erreichen, kann ihn erfüllen.
Wer dabei andere Menschen oder Gegenstände von bedeutendem Wert gefährdet, muss bei fahrlässiger Begehung mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe rechnen.
Auf jeden Fall muss der 21-Jährige mit dem Entzug der Fahrerlaubnis rechnen.
Alle Patienten außer Lebensgefahr
Die gute Nachricht zum Schluss:
Nach Angaben der Polizei waren alle Verletzten am Sonntagmorgen gesundheitlich stabil, der Fahrer des VW-Bus hatte das Krankenhaus offenbar bereits verlassen können.
Das ist sicherlich auch der schnellen und professionellen Versorgung der Ersthelfer und Rettungskräfte zu verdanken.
Unfallmeldung auf privatem Handy des Stellv. Ortsbrandmeister
Erwähnt sei noch ein Anruf beim stellvertretenden Ortsbrandmeister, der für ein wenig Schmunzeln oder auch Fragezeichen sorgte.
Direkt nach dem Unfall, so erzählte Sven Alles später in einem Interview, hatte sich eine Bewohnerin aus dem Dorf auf seinem privaten Handy gemeldet und gefragt, ob „die Feuerwehr mal vorbeikommen kann, hier qualmt nach einem Unfall ein Auto“. Auf Nachfrage erfuhr er, dass dort auch vier Verletzte liegen sollten.
Doch in diesem Moment piepte dann auch sein Melder und die Sirenen heulten in Eimbeckhausen. Offenbar hatte ein weiterer Zeuge glücklicherweise direkt die 112 gewählt.
„Ganz klar bitte immer die 112 anrufen, gerade wenn Verletzte da sind“, bat Sven Alles deshalb abschließend. Nur so könne die Rettungsleitstelle schnell die richtigen Helfer alarmieren.
Weitere Bilder