Von Gaffern und rücksichtslosen Autofahrern – und einem Motorradfahrer in Lebensgefahr

Egoistische Autofahrer, die einen querstehenden Streifenwagen zu umfahren versuchen, dazu gaffende Motorradfahrer, die frech diskutieren als sie weggeschickt werden: An einer Unfallstelle mit einem lebensgefährlich verletzten Motorradfahrer auf der B442 hatte die Feuerwehr Rodenberg gestern Mittag (30.06.19) nicht nur den Verletzten zu retten und die Unfallfahrzeuge zu sichern...

Dem Feuerwehrmann platzt der Kragen: Energisch fordert er die Gaffer auf, sich unverzüglich zu entfernen (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Dem Feuerwehrmann platzt der Kragen: Energisch fordert er die Gaffer auf, sich unverzüglich zu entfernen (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Eines vorweg: In diesem Blog schildere ich oft sehr ausführlich und aus meiner Sicht, was die ehrenamtlichen, also unbezahlten Helfer, bei jedem Einsatz leisten und wie ihre Arbeit aussieht.

Dazu gehört dann auch, besondere Umstände zu erwähnen und meine Wahrnehmungen der Ereignisse mit einfließen zu lassen.

Denn viel zu oft erleben die Helfer inzwischen Situationen mit egoistischen Menschen, nervigen Gaffern oder dreisten Autofahrern, über die man in den kurzen Zeitungstexten viel zu wenig liest und die damit auch oft nicht auf den zuständigen politischen Ebenen ankommen.

Bei einem schweren Motorradunfall gestern in Rodenberg hatten die ehrenamtlichen Feuerwehrleute wieder genau mit solchen Menschen zu tun.

Und es gebührt den Helfern Respekt, dass sie so besonnen mit diesen Situationen umgegangen sind und bisher nicht die Lust am Helfen verloren haben!

Aber lest selbst…

Alarmierung zu „auslaufenden Betriebsstoffen“

Um 12.20 Uhr hatten die Meldeempfänger der Freiwilligen Feuerwehr Rodenberg ausgelöst. Nach einem Verkehrsunfall sollten Betriebsstoffe an der Bundesstraße 442  in Höhe Suntalstraße auslaufen.

Als die ersten ehrenamtlichen Helfer mit den Löschfahrzeugen eintrafen, erwartete sie allerdings eine gänzlich andere, sehr viel dramatischere Situation:

Die Unfallstelle aus der Vogelperspektive, aufgenommen nach der Rettung des Verletzten. (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Die Unfallstelle aus der Vogelperspektive, aufgenommen nach der Rettung des Verletzten. (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Ein verletzter Motorradfahrer lag rund zehn Meter hinter einer Leitplanke in einem kleinen Wäldchen, seine heiße Maschine war ebenfalls über die Leitplanke in’s trockene Gras katapultiert worden.

Zwei Notfallsanitäter der nahen Rettungswache Rodenberg hatten bereits mit der Erstversorgung des noch ansprechbaren, aber lebensgefährlich verletzten Mannes begonnen.

Autofahrer hatte Motorrad in der Kurve übersehen

Nach ersten Ermittlungen der Polizei war ein 78-jähriger Autofahrer von einem Wirtschaftsweg aus über die B442 in Richtung Rodenberg gefahren. Dabei hatte er den von rechts aus einer Kurve kommenden 21-jährigen Motorradfahrer übersehen.

Für den Zweiradfahrer war das Auto wohl ebenso plötzlich aufgetaucht, denn Polizisten konnten später keine Bremsspuren der Maschine finden.

Das Motorrad hatte beim Aufprall  die gesamte Front des Autos abgerissen, war anschließend gegen die erst kürzlich installierte Leitplanke gekracht und hatte sich dort überschlagen.

Durch den Zusammenstoß war der 21-Jährige an der Leitplanke abgehoben und in das Wäldchen geschleudert worden.

Erstversorgung und Brandschutz

Da nach und nach 27 Ehrenamtliche mit den Einsatzfahrzeugen eintrafen, konnte der Einsatzleiter mehrere Aufgaben gleichzeitig verteilen.

Einige Feuerwehrleute stellten sofort den Brandschutz um das liegende Motorrad mit Feuerlöschern sicher.

Weil ein Verkehrsunfall rechtlich gesehen auch immer Tatort einer Straftat oder Ordnungswidrigkeit ist, dürfen Unfallfahrzeuge nur in kritischen Situationen ohne die Zustimmung der Polizei bewegt oder aufgerichtet werden.

Vier weitere Ehrenamtliche mit Rettungsdienst-Ausbildung unterstützten währenddessen die RTW-Besatzung bei der Erstversorgung und bereiteten die Rettung aus dem Unterholz vor.

 

Bei schweren Trauma-Verletzungen sind vier Hände oft zu wenig, denn neben der Stabilisierung des Patienten müssen verschiedene Geräte und Hilfsmittel für die schonende Rettung zum Verletzten gebracht werden.

Für den Rettungsdienst ist es also immer hilfreich, wenn er von Profis unterstützt wird.

Zeitgleich schnitten weitere Feuerwehrleute mit Motor- und Handsägen ein Loch in’s Unterholz, um das Tragen des Patienten zum Rettungswagen zu ermöglichen.

Feuerwehrleute hatten ein Loch in die Bewaldung geschnitten, um die Rettung des Motorradfahrers zu erleichtern (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Feuerwehrleute hatten ein Loch in die Bewaldung geschnitten, um die Rettung des Motorradfahrers zu erleichtern (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Schon rund zwanzig Minuten nach der Alarmierung konnte der Verletzte so mit Hilfe mehrerer Feuerwehrleute komplett immobilisert in den Rettungswagen getragen werde.

Die abgerissene Frontschürze des Autos liegt auf der Kreuzung - im Hintergrund tragen die Helfer den Verletzten aus dem Gebüsch zum Rettungswagen (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Die abgerissene Frontschürze des Autos liegt auf der Kreuzung – im Hintergrund tragen die Helfer den Verletzten aus dem Gebüsch zum Rettungswagen (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Andere Feuerwehrleute hatten inzwischen bei den Unfallfahrzeugen die Batterien abgeklemmt und ausgelaufene Flüssigkeiten aufgefangen. Auch das restliche Benzin aus dem Motorrad wurde umgefüllt.

Alarm für die Feuerwehr-Sanitäter

Der 78-jährige Unfallverursacher stand unter Schock und benötigte ebenfalls medizinische Versorgung.

Da für den Mann ein RTW aus der rund 16 Kilometer entfernten Rettungswache Bad Münder auf der Anfahrt war, löste die Rettungsleitstelle Schaumburg Alarm für die Sanitäter der Feuerwehr Rodenberg aus.

Der Verursacher erlitt einen Schock, wurde aber sonst nicht verletzt (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Der Verursacher erlitt einen Schock, wurde aber sonst nicht verletzt (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Mit einer eigenen Alarmschleife werden diese, unabhängig vom Rest der Ehrenamtlichen, vor allem zu Patienten in Lebensgefahr alarmiert, wenn der Rettungsdienst aufgrund fehlender Rettungsfahrzeuge im Ort aus den umliegenden Gemeinden kommen muss und eine längere Anfahrt hat.

So können sie schon mit einer professionellen Wiederbelebung beginnen, den Kreislauf stabilisieren oder Verletzte medizinisch betreuen, bis der Rettungsdienst eintrifft.

Christoph 4 im Einsatz

Aufgrund des Unfallhergangs flog auch der Rettungshubschrauber Christoph 4 aus Hannover mit einem erfahrenen Notarzt die Einsatzstelle an.

Bei schweren Verletzungen hat sich in der Notfallmedizin generell die „Golden Hour of Trauma“ als Standard etabliert:

Danach haben Unfallopfer die besten Überlebenschancen, wenn sie innerhalb einer Stunde nach dem Unfall in spezialisierten Trauma-Krankenhäusern ankommen, in denen auch, von außen meist nicht sofort sichtbare, innere Verletzungen schnell operiert werden können.

Ein Notfallsanitäter aus dem Rettungshubschrauber bereitet Medikamente vor und reicht sie anschließend dem Notarzt in den Rettungswagen (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Ein Notfallsanitäter aus dem Rettungshubschrauber bereitet Medikamente vor und reicht sie anschließend dem Notarzt in den Rettungswagen (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Wurde ein Motorradfahrer mit hohem Tempo durch die Luft geschleudert, geht man überwiegend auch von Wirbelsäulenverletzungen aus, die einen möglichst schonenden und trotzdem schnellen Transport nötig machen.

Dafür ist ein Rettungshubschrauber ideal geeignet.

Erste Störungen an der Absperrung durch Autofahrer

Durch die Polizei war zunächst nur ein Streifenwagen eingesetzt.

Während die beiden Beamten Spuren sicherten, Personalien aufnahmen und versuchten, das Unfallgeschehen zu ergründen, sperrten Feuerwehrleute mit ihren Fahrzeugen die Unfallstelle an zwei Punkten ab – zusätzlich zum Streifenwagen, der beim Eintreffen von den Polizisten an der dritten Stelle mit eingeschaltetem Blaulicht von Bad Nenndorf kommend zur ersten Absicherung abgestellt worden war.

Keine Weiterfahrt: Ein Feuerwehrmann stellt Verkehrsleitkegel auf, nachdem eine Autofahrerin den quer stehenden Streifenwagen hatte umfahren wollen (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Keine Weiterfahrt: Ein Feuerwehrmann stellt Verkehrsleitkegel auf, nachdem eine Autofahrerin den quer stehenden Streifenwagen hatte umfahren wollen (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Gegen 12.55 Uhr bemerkten Feuerwehrleute dort plötzlich eine Autofahrerin, die am Polizeiwagen vorbei durch die deutlich gesperrte und mit Rettungsfahrzeugen vollstehende Unfallstelle fahren wollte.

Sie wurde durch lautes Rufen gestoppt und zur Umkehr aufgefordert. Um ein weiteres Durchfahren anderer Autofahrer zu verhindern, stellte die Feuerwehr Verkehrsleitkegel auf.

Und immer wieder...
Und immer wieder…
...trinken, trinken, trinken! Bei Temperaturen um 36 Grad setzte den Helfern auch die Hitze zu (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
…trinken, trinken, trinken! Bei Temperaturen um 36 Grad setzte den Helfern auch die Hitze zu (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Gaffende und diskutierende Motorradfahrer

Um kurz nach 13 Uhr war der verletzte 21-Jährige vom Notarzt in eine künstliche Bewusstlosigkeit versetzt und beatmet worden, so dass er im Christoph 4 ausgeflogen werden konnte.

Menschenkette für einen sicheren Transport: Feuerwehrleute warten darauf, die Trage mit dem Verletzten die Böschung hinunter zu tragen (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Menschenkette für einen sicheren Transport: Feuerwehrleute warten darauf, die Trage mit dem Verletzten die Böschung hinunter zu tragen (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Mehrere Feuerwehrleute bereiteten sich deshalb, bei Temperaturen um 36 Grad im Schatten, in der noch wesentlich heißeren Mittagssonne darauf vor, den Patienten per Menschenkette über eine schräge Böschung und dann weiter zum Christoph 4 zu tragen.

In diesem Moment näherten sich mehrere, offenbar jüngere, Zweiradfahrer aus Richtung Bad Nenndorf und stoppten vor dem querstehenden Streifenwagen.

Statt aber zu wenden, blieben sie stehen und beobachteten das Geschehen.

Der Feuerwehrmann fordert die Gaffer auf, umzudrehen und weiterzufahren (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Der Feuerwehrmann fordert die Gaffer auf, umzudrehen und weiterzufahren (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Ein Feuerwehrmann bemerkte schließlich die offensichtlichen „Gaffer“ und forderte sie auf, umzudrehen und wegzufahren, denn kurz darauf sollte der Verletzte über das offene Feld direkt in ihrer Sichtweite zum Hubschrauber getragen werden.

Ein zweiter Feuerwehrmann kommt hinzu, die Motorradfahrer diskutieren (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Ein zweiter Feuerwehrmann kommt hinzu, die Motorradfahrer diskutieren (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Statt jedoch einfach zu fahren, entfachten sie eine Diskussion. Einer der Beteiligten sagte, dass man in Richtung Lauenau weiterfahren müsse und warten wolle.

Als sie erneut aufgefordert wurden, zu fahren, wies einer der Beteiligten pampig darauf hin, dass „man ja wohl mal gucken dürfe“.

Dem Feuerwehrmann platzt der Kragen: Energisch fordert er die Gaffer auf, sich unverzüglich zu entfernen (Foto: Stefan Simonsen)
Dem Feuerwehrmann platzt der Kragen: Energisch fordert er die Gaffer auf, sich unverzüglich zu entfernen (Foto: Stefan Simonsen)

Einem zweiten Feuerwehrmann platzte daraufhin der Kragen: Deutlich und lautstark forderte er die Gaffer auf, umgehend wegzufahren.

Auch später zeigte sich der Ehrenamtliche auf Facebook noch fassunglos von der unverschämten Art der jungen Motorradfahrer.

Man kann im Nachhinein nur hoffen, dass sie in dem Moment einfach nicht verstanden haben, dass ein paar Meter weiter ein Mensch um sein Leben kämpfte und ihr Verhalten einfach fehl am Platz war.

Die Motorradkombi liegt noch im Wäldchen - der Rettungsdienst hatte sie mit einer Kleiderschere entfernt (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Die Motorradkombi liegt noch im Wäldchen – der Rettungsdienst hatte sie mit einer Kleiderschere entfernt (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

21-Jähriger überlebte durch gute Erstversorgung und eine Operation

Ein Polizeisprecher sagte heute Morgen, dass der Zustand des Motorradfahrers stabil sei. Spezialisten hätten ihn über Nacht in der Medizinischen Hochschule Hannover mehrere Stunden lang operiert.

Dass der junge Mann den schweren Unfall überlebt hat, ist allerdings nicht nur den Ärzten in der MHH zu verdanken.

Auch die anderen starken Glieder der Rettungskette aus Ersthelfern, den unbezahlten engagierten Helfern der Feuerwehr und einem professionell agierenden Rettungsdienst haben ihm vor Ort das Leben gerettet.

Hinweis: Alle Fotos sind für die eingesetzten Feuerwehren, wie immer, kostenlos zu erhalten. Bitte wendet euch bei Interesse mit einer offiziellen Mailadresse eurer Organisation an redaktion@n112.de! 

Die Motorradkombi liegt noch im Wäldchen - der Rettungsdienst hatte sie mit einer Kleiderschere entfernt (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Die Motorradkombi liegt noch im Wäldchen – der Rettungsdienst hatte sie mit einer Kleiderschere entfernt (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)