„Die haben doch nur drei Einsätze im Jahr“ oder „die wollen doch nur ihren Durst löschen“ – immer wieder wird landauf, landab darüber diskutiert, ob wirklich jeder kleine Ort eine eigene Feuerwehr benötigt. Sei es aus Kostengründen – oder einfach, weil Engagement und Professionalität der Ehrenamtlichen in Frage gestellt oder nicht gewürdigt werden.
Ein Großeinsatz am Sonnabend in Soldorf (Samtgemeinde Rodenberg) hat nun wieder gezeigt, dass sich jeder Ort glücklich schätzen kann, der eine Freiwillige Feuerwehr und motivierte Ehrenamtliche hat:
Ohne Gerätehaus direkt im Ort und die innerhalb von Minuten eintreffenden, gut ausgebildeten Helfer wären vermutlich mehrere Gebäude durch einen Brandstifter in Flammen aufgegangen!


Horror: Drei Brände zeitgleich
Was Patrick Reinecke, Ortsbrandmeister von Soldorf, später berichtet, klingt wie das Szenario einer übertriebenen Übung, entpuppte sich aber als dramatische Realität.
Um kurz nach 20 Uhr hatte die Leitstelle in Schaumburg zunächst Alarm für die Ortswehren Soldorf, Lyhren und Groß Hegesdorf aufgrund eines unklaren Feuerscheins am Salinenplatz mitten im Ort ausgelöst.


Schon auf dem Weg zum Gerätehaus habe Reinecke sehen können, dass es nur wenige Meter neben dem Feuerwehrhaus brannte.
Da zwischenzeitlich aber immer mehr Anwohner einen Feuerschein gemeldet hatten, löste die Leitstelle nach zwei Minuten selbst die nächst höhere Alarmstufe „B2“ aus.
Reinecke weiter: „Erste Brandstelle war ein Geräteschuppen, aufgebaut wie ein kleines Gartenhaus aus Holz. Unsere ersten Schritte waren der schnelle Aufbau einer Wasserversorgung und ein erster Angriff mit einem C-Hohlstrahlrohr.“
Doch als die offenen Flammen gerade heruntergeschlagen waren, machte sie ein Nachbar auf eine zweite Brandstelle am Vordach einer Sauna aufmerksam.
Auch diese Flammen wurden kurzerhand mit ein paar Sprühstößen abgelöscht, während sich aus allen Richtungen Martinhörner näherten und die dringend benötigte Unterstützung akustisch ankündigten.


40 Meter entferntes Brennholzlager zündete plötzlich durch
Doch die Lage wurde noch brenzliger. Reinecke beschreibt den folgenden Moment so:
„Kurz darauf drehten wir uns um und sahen dann plötzlich, dass ca. 40m hinter unseren Rücken ein Brennholzlager komplett durchzündete“.


Die Flammen schlugen auf mehreren Metern Länge an der angrenzenden großen Scheune empor, die als Werkstatt genutzt wird. Auch das direkt an die Scheune gebaute Wohnhaus war von den Flammen bedroht.


Die Feuerwehrleute aus Soldorf und der direkt darauf eintreffenden Ortswehren konzentrierten sich nun auf diesen Brandherd und verhinderten, dass das Feuer auf das Wohnhaus übergriff.
Dass ein paar Flammen unter das Dach krochen und dort einen Schwelbrand im Dachbereich der Scheune auslösten, konnten sie trotz des schnellen Einsatzes nicht mehr abwenden.


Drehleiter aus Bad Nenndorf angefordert
Während das Nachlöschen der anderen Brandherde an die nach und nach eintreffenden Ortsfeuerwehren „aufgeteilt“ wurde, forderte Reinecke die Drehleiter aus Bad Nenndorf an, inzwischen bei der Koordinierung unterstützt durch Rodenbergs Ortsbrandmeister Thomas Böhm und den Einsatzleitwagen (ELW).
19 Atemschutztrupps im Einsatz
Auch Atemschutzgeräteträger wurden benötigt – inzwischen hatte der Schwelbrand zu einer starken Rauchentwicklung an der gesamten Einsatzstelle geführt, die bis über den Rodenberger Berg weit nach Bad Nenndorf zu sehen war.
Insgesamt setzte die Feuerwehr deshalb 19 Trupps unter Atemschutz für die unmittelbare Arbeit im giftigen Rauch ein.


Minutengenau protokollierten die Spezialisten der Atemschutzüberwachung dabei, welcher Trupp wie lange unter Atemschutz gearbeitet hatte.
Eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, denn nur mit einer guten Dokumentation inklusive zwingender An- und Abmeldung wird verhindert, dass einem Team im Gebäude die Luft ausgeht, oder dass Feuerwehrleute nicht mehr herauskommen und es niemand bemerkt.
Zusätzlich bekommt der Einsatzleiter so einen Überblick, wieviele Atemschutzgeräteträger noch einsatzbereit sind und ob er weitere Ehrenamtliche alarmieren lassen muss.


Spezielle Säge wurde bis in die Nacht eingesetzt
Das Löschen der Werkstatt-Scheune gestaltete sich schwierig und sollte die Feuerwehren nach Polizeiangaben noch bis 23.15 Uhr beschäftigen.
Die Glut hatte sich unter das Dach gefressen. Mit einer speziellen Multi-Cut-Säge wurden Teile des Dachs von der Drehleiter aus geöffnet, andere Teams unter Atemschutz rückten dem Schwelbrand über Steckleitern von den Außenseiten zu Leibe.
Aus Kostengründen sind diese speziellen Sägen aber nicht auf allen Fahrzeugen vorhanden – alleine ihre Ketten kosten mehrere hundert Euro!


Drohne mit Wärmebildkamera
Unterstützt wurden die Einsatzkräfte nach Einbruch der Dunkelheit von einem ehrenamtlichen Drohnenpiloten des Fernmeldezugs Schaumburg.
Mit einer Wärmebildkamera an dem mehrere tausend Euro teuren UAV (unmanned aerial vehicle) konnte er aus einer übersichtlichen Position die Temperatur unter der Dachhaut ermitteln und an die Einsatzleitung weitergeben.
Die neue Technik sorgt für eine effizientere Nutzung der vorhandenen „Manpower“.
Statt ungeplant und auf gut Glück das Dach großflächig aufzureißen, können Feuerwehrleute z.B. von der Drehleiter aus gezielt die Stellen öffnen, unter denen heiße Zonen sichtbar sind.


Während das Fliegen von Drohnen für zivile Piloten nach Dämmerung und generell 100 Meter rund um Einsatzorte auch tagsüber verboten ist, sieht das Gesetz eine Ausnahme für den Einsatz im Katastrophen- oder Unglücksfall für Hilfsorganisationen, Polizei und Feuerwehr auch ohne Genehmigung der Behörden vor.
Um auch nachts fliegen zu können, muss die Drohne allerdings mit diversen zusätzlichen farbigen LED bestückt sein, die dem Piloten am Boden die momentane Ausrichtung der Drohne anzeigen.


Neun Ortswehren und Spezialeinheiten im Einsatz
Insgesamt verbrachten in Soldorf 173 unbezahlte Feuerwehrleute aus Soldorf, Rodenberg, Apelern, Groß Hegesdorf, Lyhren, Bad Nenndorf, Hülsede-Meinsen, Schmarrie, Lauenau, dazu mehrere ehrenamtliche Helfer der Feuerwehrtechnischen Zentrale (FTZ) mit dem Gerätewagen Atemschutz und des Fernmeldezugs ihren Samstagabend statt zu Hause oder beim Feiern in einem langwierigen Einsatz.


Während um 3.15 Uhr die letzten Feuerwehrleute den Brandort verließen, um zum nächsten Großbrand in Bad Nenndorf an einem Flüchtlingsheim weiterzufahren, blieb eine ehrenamtliche Brandwache bis zum nächsten Morgen am Einsatzort.


„Gute Zusammenarbeit“ verhinderte Schlimmeres
Ortsbrandmeister Patrick Reinecke zog später eine positive Bilanz:
„Die Arbeit zwischen den verschiedenen Ortswehren fand ich mehr als klasse. Das war ja wirklich eine knappe Kiste. Ein paar Minuten später, etwas mehr Wind, eine andere Uhrzeit – es wäre vermutlich wesentlich schlimmer geworden“, war sich der Ortsbrandmeister sicher.
Begeistert war er auch von der Unterstützung der Anwohner, die den Feuerwehrleuten Getränke anboten.


Polizei geht von Brandstiftung aus!
Zur Brandursache ermittelten noch am Samstagabend Polizisten aus Stadthagen.
In ihrer Pressemitteilung vom Sonntagabend schloss die Polizei eine Brandstiftung zunächst nicht aus.
In einem heute Nachmittag veröffentlichten Online-Artikel berichten die Schaumburger Nachrichten, dass die Polizei nach umfangreichen Ermittlungen definitiv von einer Brandstiftung ausginge.
Für Patrick Reinecke keine Überraschung: Auch der erfahrene Ortsbrandmeister hatte bereits an einer Selbstentzündung gezweifelt, denn es „sei sehr unwahrscheinlich, dass die Brände durch eine Abhängigkeit wie Funkenflug entstanden sind.“
Hinweis: Alle Fotos sind für die eingesetzten Rettungskräfte kostenlos zu erhalten. Bitte wendet euch bei Interesse mit einer offiziellen Mailadresse eurer Organisation an redaktion@n112.de!
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