In diesem Blog schildere ich oft sehr ausführlich und aus meiner Sicht, was die ehrenamtlichen, also unbezahlten Helfer, bei jedem Einsatz leisten und wie ihre Arbeit aussieht.
Dazu gehört dann auch, besondere Umstände zu erwähnen und meine Wahrnehmungen der Ereignisse mit einfließen zu lassen.
Denn viel zu oft erleben die Helfer inzwischen Situationen mit egoistischen Menschen, nervigen Gaffern oder dreisten Autofahrern, über die man in den kurzen Zeitungstexten viel zu wenig liest und die damit auch oft nicht auf den zuständigen politischen Ebenen ankommen.
Bei einem schweren Motorradunfall gestern in Rodenberg hatten die ehrenamtlichen Feuerwehrleute wieder genau mit solchen Menschen zu tun.
Und es gebührt den Helfern Respekt, dass sie so besonnen mit diesen Situationen umgegangen sind und bisher nicht die Lust am Helfen verloren haben!
Aber lest selbst…
Alarmierung zu „auslaufenden Betriebsstoffen“
Um 12.20 Uhr hatten die Meldeempfänger der Freiwilligen Feuerwehr Rodenberg ausgelöst. Nach einem Verkehrsunfall sollten Betriebsstoffe an der Bundesstraße 442 in Höhe Suntalstraße auslaufen.
Als die ersten ehrenamtlichen Helfer mit den Löschfahrzeugen eintrafen, erwartete sie allerdings eine gänzlich andere, sehr viel dramatischere Situation:


Ein verletzter Motorradfahrer lag rund zehn Meter hinter einer Leitplanke in einem kleinen Wäldchen, seine heiße Maschine war ebenfalls über die Leitplanke in’s trockene Gras katapultiert worden.
Zwei Notfallsanitäter der nahen Rettungswache Rodenberg hatten bereits mit der Erstversorgung des noch ansprechbaren, aber lebensgefährlich verletzten Mannes begonnen.
Autofahrer hatte Motorrad in der Kurve übersehen
Nach ersten Ermittlungen der Polizei war ein 78-jähriger Autofahrer von einem Wirtschaftsweg aus über die B442 in Richtung Rodenberg gefahren. Dabei hatte er den von rechts aus einer Kurve kommenden 21-jährigen Motorradfahrer übersehen.
Das Motorrad hatte beim Aufprall die gesamte Front des Autos abgerissen, war anschließend gegen die erst kürzlich installierte Leitplanke gekracht und hatte sich dort überschlagen.
Durch den Zusammenstoß war der 21-Jährige an der Leitplanke abgehoben und in das Wäldchen geschleudert worden.
Erstversorgung und Brandschutz
Da nach und nach 27 Ehrenamtliche mit den Einsatzfahrzeugen eintrafen, konnte der Einsatzleiter mehrere Aufgaben gleichzeitig verteilen.
Einige Feuerwehrleute stellten sofort den Brandschutz um das liegende Motorrad mit Feuerlöschern sicher.
Weil ein Verkehrsunfall rechtlich gesehen auch immer Tatort einer Straftat oder Ordnungswidrigkeit ist, dürfen Unfallfahrzeuge nur in kritischen Situationen ohne die Zustimmung der Polizei bewegt oder aufgerichtet werden.
Vier weitere Ehrenamtliche mit Rettungsdienst-Ausbildung unterstützten währenddessen die RTW-Besatzung bei der Erstversorgung und bereiteten die Rettung aus dem Unterholz vor.
Bei schweren Trauma-Verletzungen sind vier Hände oft zu wenig, denn neben der Stabilisierung des Patienten müssen verschiedene Geräte und Hilfsmittel für die schonende Rettung zum Verletzten gebracht werden.
Für den Rettungsdienst ist es also immer hilfreich, wenn er von Profis unterstützt wird.
Zeitgleich schnitten weitere Feuerwehrleute mit Motor- und Handsägen ein Loch in’s Unterholz, um das Tragen des Patienten zum Rettungswagen zu ermöglichen.


Schon rund zwanzig Minuten nach der Alarmierung konnte der Verletzte so mit Hilfe mehrerer Feuerwehrleute komplett immobilisert in den Rettungswagen getragen werde.


Andere Feuerwehrleute hatten inzwischen bei den Unfallfahrzeugen die Batterien abgeklemmt und ausgelaufene Flüssigkeiten aufgefangen. Auch das restliche Benzin aus dem Motorrad wurde umgefüllt.
Alarm für die Feuerwehr-Sanitäter
Der 78-jährige Unfallverursacher stand unter Schock und benötigte ebenfalls medizinische Versorgung.
Da für den Mann ein RTW aus der rund 16 Kilometer entfernten Rettungswache Bad Münder auf der Anfahrt war, löste die Rettungsleitstelle Schaumburg Alarm für die Sanitäter der Feuerwehr Rodenberg aus.


Mit einer eigenen Alarmschleife werden diese, unabhängig vom Rest der Ehrenamtlichen, vor allem zu Patienten in Lebensgefahr alarmiert, wenn der Rettungsdienst aufgrund fehlender Rettungsfahrzeuge im Ort aus den umliegenden Gemeinden kommen muss und eine längere Anfahrt hat.
So können sie schon mit einer professionellen Wiederbelebung beginnen, den Kreislauf stabilisieren oder Verletzte medizinisch betreuen, bis der Rettungsdienst eintrifft.
Christoph 4 im Einsatz
Aufgrund des Unfallhergangs flog auch der Rettungshubschrauber Christoph 4 aus Hannover mit einem erfahrenen Notarzt die Einsatzstelle an.
Bei schweren Verletzungen hat sich in der Notfallmedizin generell die „Golden Hour of Trauma“ als Standard etabliert:
Danach haben Unfallopfer die besten Überlebenschancen, wenn sie innerhalb einer Stunde nach dem Unfall in spezialisierten Trauma-Krankenhäusern ankommen, in denen auch, von außen meist nicht sofort sichtbare, innere Verletzungen schnell operiert werden können.


Wurde ein Motorradfahrer mit hohem Tempo durch die Luft geschleudert, geht man überwiegend auch von Wirbelsäulenverletzungen aus, die einen möglichst schonenden und trotzdem schnellen Transport nötig machen.
Dafür ist ein Rettungshubschrauber ideal geeignet.
Erste Störungen an der Absperrung durch Autofahrer
Durch die Polizei war zunächst nur ein Streifenwagen eingesetzt.
Während die beiden Beamten Spuren sicherten, Personalien aufnahmen und versuchten, das Unfallgeschehen zu ergründen, sperrten Feuerwehrleute mit ihren Fahrzeugen die Unfallstelle an zwei Punkten ab – zusätzlich zum Streifenwagen, der beim Eintreffen von den Polizisten an der dritten Stelle mit eingeschaltetem Blaulicht von Bad Nenndorf kommend zur ersten Absicherung abgestellt worden war.


Gegen 12.55 Uhr bemerkten Feuerwehrleute dort plötzlich eine Autofahrerin, die am Polizeiwagen vorbei durch die deutlich gesperrte und mit Rettungsfahrzeugen vollstehende Unfallstelle fahren wollte.
Sie wurde durch lautes Rufen gestoppt und zur Umkehr aufgefordert. Um ein weiteres Durchfahren anderer Autofahrer zu verhindern, stellte die Feuerwehr Verkehrsleitkegel auf.




Gaffende und diskutierende Motorradfahrer
Um kurz nach 13 Uhr war der verletzte 21-Jährige vom Notarzt in eine künstliche Bewusstlosigkeit versetzt und beatmet worden, so dass er im Christoph 4 ausgeflogen werden konnte.


Mehrere Feuerwehrleute bereiteten sich deshalb, bei Temperaturen um 36 Grad im Schatten, in der noch wesentlich heißeren Mittagssonne darauf vor, den Patienten per Menschenkette über eine schräge Böschung und dann weiter zum Christoph 4 zu tragen.
In diesem Moment näherten sich mehrere, offenbar jüngere, Zweiradfahrer aus Richtung Bad Nenndorf und stoppten vor dem querstehenden Streifenwagen.
Statt aber zu wenden, blieben sie stehen und beobachteten das Geschehen.


Ein Feuerwehrmann bemerkte schließlich die offensichtlichen „Gaffer“ und forderte sie auf, umzudrehen und wegzufahren, denn kurz darauf sollte der Verletzte über das offene Feld direkt in ihrer Sichtweite zum Hubschrauber getragen werden.


Statt jedoch einfach zu fahren, entfachten sie eine Diskussion. Einer der Beteiligten sagte, dass man in Richtung Lauenau weiterfahren müsse und warten wolle.
Als sie erneut aufgefordert wurden, zu fahren, wies einer der Beteiligten pampig darauf hin, dass „man ja wohl mal gucken dürfe“.


Einem zweiten Feuerwehrmann platzte daraufhin der Kragen: Deutlich und lautstark forderte er die Gaffer auf, umgehend wegzufahren.
Auch später zeigte sich der Ehrenamtliche auf Facebook noch fassunglos von der unverschämten Art der jungen Motorradfahrer.
Man kann im Nachhinein nur hoffen, dass sie in dem Moment einfach nicht verstanden haben, dass ein paar Meter weiter ein Mensch um sein Leben kämpfte und ihr Verhalten einfach fehl am Platz war.



21-Jähriger überlebte durch gute Erstversorgung und eine Operation
Ein Polizeisprecher sagte heute Morgen, dass der Zustand des Motorradfahrers stabil sei. Spezialisten hätten ihn über Nacht in der Medizinischen Hochschule Hannover mehrere Stunden lang operiert.
Dass der junge Mann den schweren Unfall überlebt hat, ist allerdings nicht nur den Ärzten in der MHH zu verdanken.
Auch die anderen starken Glieder der Rettungskette aus Ersthelfern, den unbezahlten engagierten Helfern der Feuerwehr und einem professionell agierenden Rettungsdienst haben ihm vor Ort das Leben gerettet.
Hinweis: Alle Fotos sind für die eingesetzten Feuerwehren, wie immer, kostenlos zu erhalten. Bitte wendet euch bei Interesse mit einer offiziellen Mailadresse eurer Organisation an redaktion@n112.de!


