Immer wieder berichten Unfallopfer, dass andere Autofahrer egoistisch an einer Unfallstelle vorbeigefahren sind, ohne Hilfe zu leisten.
Anders gestern Mittag (27.05.19) auf der A2 bei Bad Nenndorf / Barsinghausen:
Mutige Ersthelfer hielten nach einem schweren LKW-Unfall so lange ein Feuer in Schach und schützten einen eingeklemmten Menschen vor den Flammen, bis die ersten Löschfahrzeuge eintrafen.
Nach Angaben der Polizei sei gegen 12.30 Uhr zunächst ein LKW mit Tieflader auf der A2 in Richtung Hannover gefahren.
Kurz nach der Anschlussstelle Bad Nenndorf war das Gespann dann ruckartig nach links geraten und hatte einen daneben fahrenden Kühllaster gerammt, der mit Gemüse beladen war.
Nach ersten Informationen vor Ort sprachen die Spuren sehr dafür, dass an der Zugmaschine des Tiefladers plötzlich ein Reifen geplatzt war.
Mehrere Augenzeugen hatten demnach auch einen Knall gehört und dann gesehen, wie der Tieflader unerwartet nach links ausbrach und gegen den Kühllaster stieß.
Die Fahrerkabine riss ab und landete im Gegenverkehr
Der 40-Tonner geriet durch den Aufprall auf die linke Spur, die Fahrerkabine riss ab und landete völlig deformiert auf der linken Spur der Gegenfahrbahn.
Glücklicherweise sorgte wohl die Betonmauer zwischen den Richtungsfahrbahnen dafür, dass der Anhänger nicht in den Gegenverkehr durchbrechen konnte.
Ein folgender Audifahrer konnte nicht mehr bremsen und kollidierte mit dem Anhänger. Er und seine beiden Mitfahrer wurden nicht verletzt. Auch der Fahrer des Tiefladers kam mit dem Schrecken davon.
Ersthelfer organisierten 13 Feuerlöscher
Sofort nach dem Unfall geriet das Fahrgestell der Zugmaschine in Brand, die Flammen griffen auf den Anhänger über und drohten auch, sich über den Grünstreifen auf die abgerissene Fahrerkabine mit dem eingeklemmten und lebensgefährlich verletzten Fahrer auszubreiten.
Obwohl der Verkehr nicht komplett zum Erliegen gekommen war, hielten viele Auto- und Lastwagenfahrer an, um Erste Hilfe zu leisten.
Mit insgesamt 13 Feuerlöschern aus Autos und Lastwagen unterschiedlichster Länder sorgten sie bis zum Eintreffen der ersten Löschfahrzeuge dafür, dass sich die Flammen nicht weiter ausbreiten konnten – und retteten nach Angaben von Henk Bison, Pressesprecher der Feuerwehr Barsinghausen, dem Mann damit vermutlich zunächst das Leben.
Feuerwehr rückte mit 80 Einsatzkräften aus
Inzwischen hatte die Rettungsleitstelle der Region Hannover aufgrund der ersten Meldungen Alarm für fünf Feuerwehren aus dem Stadtgebiet Barsinghausen ausgelöst.
Die Fahrzeuge werden ausschließlich von Ehrenamtlichen besetzt, so dass gerade tagsüber, wenn viele Helfer in Hannover arbeiten, mehrere Feuerwehren alarmiert werden (müssen), damit auf jeden Fall ausreichend Freiwillige zur Verfügung stehen.
Auch ein hauptamtlich besetzter Rettungswagen und der notarztbesetzte Rettunghubschrauber Christoph 4 aus Hannover machten sich auf den Weg.
Unterstützung aus dem Landkreis Schaumburg
Beim Eintreffen der ersten Helfer brannte der Anhänger lichterloh, der Fahrer war in seiner Kabine eingeklemmt.
Während auf der Richtungsfahrbahn Hannover ein Löschangriff mit Schaum aufgebaut wurde, begannen weitere Feuerwehrleute und der Rettungsdienst auf der Gegenfahrbahn mit der Versorgung und Rettung des Eingeklemmten.
Um die Betonbarriere in der Mitte der Fahrbahnen überwinden zu können, wurde auch eine Rettungsplattform aufgebaut.
Sie dient sonst vor allem dazu, erhöht an einer verunglückten Zugmaschine arbeiten zu können und kommt häufig bei LKW-Fahrern zum Einsatz, die nach einem Auffahrunfall eingeklemmt sind.
Schnell war auch klar, dass weitere Fahrzeuge mit einem Löschwassertank benötigt werden. Auf der Autobahn gibt es keine Hydranten, und gerade bei einem LKW-Brand kann ein Feuer schnell außer Kontrolle geraten.
Die Rettungsleitstelle des, direkt an der Anschlußstelle Bad Nenndorf beginnenden, Landkreises Schaumburg erhielt deshalb ein Hilfeersuchen aus Hannover und alarmierte sofort die Ehrenamtlichen der Feuerwehren aus Bad Nenndorf und Rodenberg.
Beide Feuerwehren sind laut Alarmordnung für den Abschnitt von Bad Nenndorf bis Lauenau zuständig und haben schon oft gemeinsame Einsätze mit der Feuerwehr Barsinghausen auf der A2 bewältigt.
Direkte Nähe zur Anschlussstelle half
Inzwischen war die Autobahn voll gesperrt worden, so dass die Einsatzfahrzeuge in Bad Nenndorf entgegengesetzt auf die Richtungsfahrbahn Dortmund auffahren konnten.
Mit den Tanklöschfahrzeugen wurde ein Pendelverkehr eingerichtet: An einem Hydranten nahe der Autobahn wurden die Tanks gefüllt und dann wieder zur Einsatzstelle gefahren.
Für Pressesprecher Henk Bison war es Glück, dass sich der Unfall so nah an der Anschlussstelle ereignete: „Dadurch waren wir sehr schnell am Unfallort und konnten mit dem Löschangriff beginnen. Oft erleben wir, dass LKW-Fahrer auf der dreispurigen Autobahn auf zwei Spuren im Stau stehen und keine Rettungsgasse bilden, so dass wir uns mühsam zum Unfallort kämpfen müssen“.
Rund um den Unfallort hatte sich tatsächlich schnell ein völliges Verkehrchaos entwickelt. Auf der Autobahn 2 standen viele LKW-Fahrer im Stau ohne eine Rettungsgasse zu bilden, teilweise sogar auf der linken von drei Fahrspuren.
Ein Durchkommen für Rettungsfahrzeuge wäre nicht mehr möglich gewesen.
Schon 30-40 Euro können ein Leben retten
Sichtlich beeindruckt war der Pressesprecher vom Engagement der Ersthelfer und erklärte, warum jeder Fahrer einen Feuerlöscher im Auto haben sollte:
„Auf den ersten Blick scheint ein kleiner Pulverlöscher nicht viel ausrichten zu können. Doch in der Masse und klug nach und nach eingesetzt, kann man damit ein Feuer eindämmen und, wie hier vermutlich auch, ein Menschenleben retten“.
Die kleinsten Lebensretter seien schon für 30-40 Euro zu bekommen und passten in jedes Auto, sagte der erfahrene Feuerwehrmann.
Einsatz für Ehrenamtliche dauerte mehrere Stunden
Für die rund 80 Ehrenamtlichen beider Landkreise zog sich der Einsatz mehrere Stunden in der prallen Sonne bei sommerlichen Temperaturen hin, bis sie wieder einrücken und dann noch aufwändig ihr Material auffüllen und säubern konnten, um sofort bereit für den nächsten unbezahlten Einsatz zu sein.
Der Fahrer schwebt in Lebensgefahr, die Polizei sucht weiterhin Zeugen
Nach Polizeiangaben vom Nachmittag schwebte der Fahrer noch in Lebensgefahr. Er war mit dem Hubschrauber in die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) geflogen worden. Am Nachmittag war demnach auch die Identiät des Mannes noch nicht geklärt.
Den entstandenen Schaden schätzten die Polizisten zunächst auf 50.000 Euro.
Der Verkehrsunfalldienst Hannover sucht weiterhin Zeugen, die Angaben zum Unfallhergang machen können. Sie werden gebeten, sich unter der Telefonnummer 0511 109-1888 zu melden.
Hinweis: Alle Fotos sind für die eingesetzten Feuerwehren kostenlos zu erhalten. Bitte wendet euch bei Interesse mit einer offiziellen Mailadresse eurer Organisation an redaktion@n112.de!