Brandstiftung! 173 Feuerwehrleute bekämpften drei zeitgleiche Brände

Mit gleich drei Brandherden hatten es die Feuerwehrleute aus Soldorf bei Rodenberg (Lkr. Schaumburg) zu tun, als sie am Samstagabend (10.08.19) gegen 20 Uhr alarmiert wurden. Ihnen gelang es, mit nur einem Löschfahrzeug die Flammen der bis zu 40 Meter entfernten Brände kleinzuhalten und ein Übergreifen auf weitere Gebäude zu verhindern, während Feuerwehrleute aus acht umliegenden Orten zu Hilfe eilten. Letztlich löschten insgesamt 173 Ehrenamtliche eine Werkstatt-Scheune, in deren Dach sich das Feuer gefressen hatte. Die Polizei geht nach intensiver Ermittlung von Brandstiftung aus.

Bis in die Nacht hinein löschten rund 170 Ehrenamtliche mehrere Brände in Soldorf (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Bis in die Nacht hinein löschten rund 170 Ehrenamtliche mehrere Brände in Soldorf (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

„Die haben doch nur drei Einsätze im Jahr“ oder „die wollen doch nur ihren Durst löschen“ – immer wieder wird landauf, landab darüber diskutiert, ob wirklich jeder kleine Ort eine eigene Feuerwehr benötigt. Sei es aus Kostengründen – oder einfach, weil Engagement und Professionalität der Ehrenamtlichen in Frage gestellt oder nicht gewürdigt werden.

Ein Großeinsatz am Sonnabend in Soldorf (Samtgemeinde Rodenberg) hat nun wieder gezeigt, dass sich jeder Ort glücklich schätzen kann, der eine Freiwillige Feuerwehr und motivierte Ehrenamtliche hat:

Ohne Gerätehaus direkt im Ort und die innerhalb von Minuten eintreffenden, gut ausgebildeten Helfer wären vermutlich mehrere Gebäude durch einen Brandstifter in Flammen aufgegangen!

Feuerwehrfahrzeuge stehen in Soldorf (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Feuerwehrfahrzeuge stehen in Soldorf (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Horror: Drei Brände zeitgleich

Was Patrick Reinecke, Ortsbrandmeister von Soldorf, später berichtet, klingt wie das Szenario einer übertriebenen Übung, entpuppte sich aber als dramatische Realität.

Um kurz nach 20 Uhr hatte die Leitstelle in Schaumburg zunächst Alarm für die Ortswehren Soldorf, Lyhren und Groß Hegesdorf aufgrund eines unklaren Feuerscheins am Salinenplatz mitten im Ort ausgelöst.

Ortsbrandmeister Patrick Reinecke (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Ortsbrandmeister Patrick Reinecke (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Schon auf dem Weg zum Gerätehaus habe Reinecke sehen können, dass es nur wenige Meter neben dem Feuerwehrhaus brannte.

Da zwischenzeitlich aber immer mehr Anwohner einen Feuerschein gemeldet hatten, löste die Leitstelle nach zwei Minuten selbst die nächst höhere Alarmstufe „B2“ aus.

Reinecke weiter: „Erste Brandstelle war ein Geräteschuppen, aufgebaut wie ein kleines Gartenhaus aus Holz. Unsere ersten Schritte waren der schnelle Aufbau einer Wasserversorgung und ein erster Angriff mit einem C-Hohlstrahlrohr.“

Doch als die offenen Flammen gerade heruntergeschlagen waren, machte sie ein Nachbar auf eine zweite Brandstelle am Vordach einer Sauna aufmerksam.

Auch diese Flammen wurden kurzerhand mit ein paar Sprühstößen abgelöscht, während sich aus allen Richtungen Martinhörner näherten und die dringend benötigte Unterstützung akustisch ankündigten.

Qualm dringt aus der Werkstatt-Scheune: Das Feuer hatte sich unter das Dach gefressen! (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Qualm dringt aus der Werkstatt-Scheune: Das Feuer hatte sich unter das Dach gefressen! (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

40 Meter entferntes Brennholzlager zündete plötzlich durch

Doch die Lage wurde noch brenzliger. Reinecke beschreibt den folgenden Moment so:

„Kurz darauf drehten wir uns um und sahen dann plötzlich, dass ca. 40m hinter unseren Rücken ein Brennholzlager komplett durchzündete“.

Ein Anwohner beobachtet die Löscharbeiten (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Ein Anwohner beobachtet die Löscharbeiten (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Die Flammen schlugen auf mehreren Metern Länge an der angrenzenden großen Scheune empor, die als Werkstatt genutzt wird. Auch das direkt an die Scheune gebaute Wohnhaus war von den Flammen bedroht.

Das an die Scheune angrenze Wohnhaus wurde verraucht, konnte aber vor den Flammen gerettet werden (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Das an die Scheune angrenze Wohnhaus wurde verraucht, konnte aber vor den Flammen gerettet werden (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Die Feuerwehrleute aus Soldorf und der direkt darauf eintreffenden Ortswehren konzentrierten sich nun auf diesen Brandherd und verhinderten, dass das Feuer auf das Wohnhaus übergriff.

Dass ein paar Flammen unter das Dach krochen und dort einen Schwelbrand im Dachbereich der Scheune auslösten, konnten sie trotz des schnellen Einsatzes nicht mehr abwenden.

 

Insgesamt sechs Strahlrohre setzten die Helfer ein. Um die Wasserversorgung sicherzustellen, bauten die Ehrenamtlichen etliche Zuleitungen von Hydranten zu den Pumpen der Löschfahrzeugen auf (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Insgesamt sechs Strahlrohre setzten die Helfer ein. Um die Wasserversorgung sicherzustellen, bauten die Ehrenamtlichen etliche Zuleitungen von Hydranten zu den Pumpen der Löschfahrzeugen auf (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Drehleiter aus Bad Nenndorf angefordert

Während das Nachlöschen der anderen Brandherde an die nach und nach eintreffenden Ortsfeuerwehren „aufgeteilt“ wurde, forderte Reinecke die Drehleiter aus Bad Nenndorf an, inzwischen bei der Koordinierung unterstützt durch Rodenbergs Ortsbrandmeister Thomas Böhm und den Einsatzleitwagen (ELW).

19 Atemschutztrupps im Einsatz

Auch Atemschutzgeräteträger wurden benötigt – inzwischen hatte der Schwelbrand zu einer starken Rauchentwicklung an der gesamten Einsatzstelle geführt, die bis über den Rodenberger Berg weit nach Bad Nenndorf zu sehen war.

Insgesamt setzte die Feuerwehr deshalb 19 Trupps unter Atemschutz für die unmittelbare Arbeit im giftigen Rauch ein.

Not macht erfinderisch: In den ersten Minuten diente eine Mülltonne als Unterlage für die Atemschutzüberwachung. (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Not macht erfinderisch: In den ersten Minuten diente eine Mülltonne als Unterlage für die Atemschutzüberwachung. (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Minutengenau protokollierten die Spezialisten der Atemschutzüberwachung dabei, welcher Trupp wie lange unter Atemschutz gearbeitet hatte.

Eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, denn nur mit einer guten Dokumentation inklusive zwingender An- und Abmeldung wird verhindert, dass einem Team im Gebäude die Luft ausgeht, oder dass Feuerwehrleute nicht mehr herauskommen und es niemand bemerkt.

Zusätzlich bekommt der Einsatzleiter so einen Überblick, wieviele Atemschutzgeräteträger noch einsatzbereit sind und ob er weitere Ehrenamtliche alarmieren lassen muss.

Schweißgebadet nach dem Einsatz unter Atemschutz (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Schweißgebadet nach dem Einsatz unter Atemschutz (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Spezielle Säge wurde bis in die Nacht eingesetzt

Das Löschen der Werkstatt-Scheune gestaltete sich schwierig und sollte die Feuerwehren nach Polizeiangaben noch bis 23.15 Uhr beschäftigen.

Die Glut hatte sich unter das Dach gefressen. Mit einer speziellen Multi-Cut-Säge wurden Teile des Dachs von der Drehleiter aus geöffnet, andere Teams unter Atemschutz rückten dem Schwelbrand über Steckleitern von den Außenseiten zu Leibe.

Aus Kostengründen sind diese speziellen Sägen aber nicht auf allen Fahrzeugen vorhanden – alleine ihre Ketten kosten mehrere hundert Euro!

Feuerwehrleute bereiten eine spezielle Motorsäge zum Öffnen der Dachhaus vor (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Feuerwehrleute bereiten eine spezielle Motorsäge zum Öffnen der Dachhaus vor (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

 

Drohne mit Wärmebildkamera

Unterstützt wurden die Einsatzkräfte nach Einbruch der Dunkelheit von einem ehrenamtlichen Drohnenpiloten des Fernmeldezugs Schaumburg.

Mit einer Wärmebildkamera an dem mehrere tausend Euro teuren UAV (unmanned aerial vehicle) konnte er aus einer übersichtlichen Position die Temperatur unter der Dachhaut ermitteln und an die Einsatzleitung weitergeben.

Die neue Technik sorgt für eine effizientere Nutzung der vorhandenen „Manpower“.

Statt ungeplant und auf gut Glück das Dach großflächig aufzureißen, können Feuerwehrleute z.B. von der Drehleiter aus gezielt die Stellen öffnen, unter denen heiße Zonen sichtbar sind.

Heiße Zonen: Auf der Wärmebildkamera der Drohne sind die Temperaturunterschiede deutlich zu sehen! (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Heiße Zonen: Auf der Wärmebildkamera der Drohne sind die Temperaturunterschiede deutlich zu sehen! (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Während das Fliegen von Drohnen für zivile Piloten nach Dämmerung und generell 100 Meter rund um Einsatzorte auch tagsüber verboten ist, sieht das Gesetz eine Ausnahme für den Einsatz im Katastrophen- oder Unglücksfall für Hilfsorganisationen, Polizei und Feuerwehr auch ohne Genehmigung der Behörden vor.

Um auch nachts fliegen zu können, muss die Drohne allerdings mit diversen zusätzlichen farbigen LED bestückt sein, die dem Piloten am Boden die momentane Ausrichtung der Drohne anzeigen.

Das rote Rundumlicht gibt es nur einmal an einer Einsatzstelle: Es weist alle ankommenden Feuerwehrleute darauf hin, wo sich die Einsatzleitung befindet, bei der sie sich anmelden müssen. (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Das rote Rundumlicht gibt es nur einmal an einer Einsatzstelle: Es weist alle ankommenden Feuerwehrleute darauf hin, wo sich die Einsatzleitung befindet, bei der sie sich anmelden müssen. (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Neun Ortswehren und Spezialeinheiten im Einsatz

Insgesamt verbrachten in Soldorf 173 unbezahlte Feuerwehrleute aus Soldorf, Rodenberg, Apelern, Groß Hegesdorf, Lyhren, Bad Nenndorf, Hülsede-Meinsen, Schmarrie, Lauenau, dazu mehrere ehrenamtliche Helfer der Feuerwehrtechnischen Zentrale (FTZ) mit dem Gerätewagen Atemschutz und des Fernmeldezugs ihren Samstagabend statt zu Hause oder beim Feiern in einem langwierigen Einsatz.

Bis spät in die Nacht dokumentierte das ehrenamtliche Team des Einsatzleitwagens (ELW) die Arbeit der über 170 Feuerwehrleute und stellte die Kommunikation zwischen Leitstelle und der Einsatzstelle sicher (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Bis spät in die Nacht dokumentierte das ehrenamtliche Team des Einsatzleitwagens (ELW) die Arbeit der über 170 Feuerwehrleute und stellte die Kommunikation zwischen Leitstelle und der Einsatzstelle sicher (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Während um 3.15 Uhr die letzten Feuerwehrleute den Brandort verließen, um zum nächsten Großbrand in Bad Nenndorf an einem Flüchtlingsheim weiterzufahren, blieb eine ehrenamtliche Brandwache bis zum nächsten Morgen am Einsatzort.

Tue Gutes und sprich darüber: Das "Team Presse" dokumentierte den Einsatz und stand für Presseanfragen bereit (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Tue Gutes und sprich darüber: Das „Team Presse“ dokumentierte den Einsatz und stand für Presseanfragen bereit (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

„Gute Zusammenarbeit“ verhinderte Schlimmeres

Ortsbrandmeister Patrick Reinecke zog später eine positive Bilanz:

„Die Arbeit zwischen den verschiedenen Ortswehren fand ich mehr als klasse. Das war ja wirklich eine knappe Kiste. Ein paar Minuten später, etwas mehr Wind, eine andere Uhrzeit – es wäre vermutlich wesentlich schlimmer geworden“, war sich der Ortsbrandmeister sicher.

Begeistert war er auch von der Unterstützung der Anwohner, die den Feuerwehrleuten Getränke anboten.

Eine Anwohnerin verteilt Wasserflaschen an die Feuerwehrleute (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Eine Anwohnerin verteilt Wasserflaschen an die Feuerwehrleute (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Polizei geht von Brandstiftung aus!

Zur Brandursache ermittelten noch am Samstagabend Polizisten aus Stadthagen.

In ihrer Pressemitteilung vom Sonntagabend schloss die Polizei eine Brandstiftung zunächst nicht aus.

In einem heute Nachmittag veröffentlichten Online-Artikel berichten die Schaumburger Nachrichten, dass die Polizei nach umfangreichen Ermittlungen definitiv von einer Brandstiftung ausginge.

Für Patrick Reinecke keine Überraschung: Auch der erfahrene Ortsbrandmeister hatte bereits an einer Selbstentzündung gezweifelt, denn es „sei sehr unwahrscheinlich, dass die Brände durch eine Abhängigkeit wie Funkenflug entstanden sind.“

Hinweis: Alle Fotos sind für die eingesetzten Rettungskräfte kostenlos zu erhalten. Bitte wendet euch bei Interesse mit einer offiziellen Mailadresse eurer Organisation an redaktion@n112.de! 


Weitere Fotos

Bis in die Nacht hinein löschten rund 170 Ehrenamtliche mehrere Brände in Soldorf (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Bis in die Nacht hinein löschten rund 170 Ehrenamtliche mehrere Brände in Soldorf (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)