Nach Drogenrazzia im Auetal: Gefahrgut-Profis der Feuerwehr bergen vermeintliches Giftfass

Bei einem, offenbar lange geplanten, Zugriff auf einem landwirtschaftlichen Anwesen im Auetal haben Polizisten gestern Morgen nicht nur rund 400 Cannabis-Pflanzen sichergestellt und drei Verdächtige vorläufig festgenommen. Bei einer näheren Durchsuchung stießen sie auf ein Fass, das laut Etikett eine giftige Substanz enthalten konnte. Für rund 35 Ehrenamtliche der Umweltschutzeinheit und des "Team Presse" begann damit ein schweißtreibender Einsatz unter sengender Sonne.

Unter brennender Mittagssonne untersuchten zwei ehrenamtliche Gefahrgutexperten der Feuerwehr ein Fass, das zuvor aus einer Scheune getragen worden war. (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Unter brennender Mittagssonne untersuchten zwei ehrenamtliche Gefahrgutexperten der Feuerwehr ein Fass, das zuvor aus einer Scheune getragen worden war. (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Bist du schon einmal am frühen Morgen aus einem stickigen Nylon-Zelt geflüchtet, weil es bereits von den wenigen ersten Strahlen der Sommersonne so stark aufgeheizt war, dass du es darin nicht mehr ausgehalten hast?

Dann kannst du dir vielleicht annähernd vorstellen, wie heftig gestern Mittag (25.06.19) die körperliche Belastung für die Ehrenamtlichen des Umweltschutzzuges Schaumburg gewesen sein muss:

In luftdichten Chemikalienschutzanzügen und mit Atemschutz waren sie bei 33 Grad (im Schatten!) unter praller Sonne im Einsatz, um ein vermeintliches Giftfass zu bergen!

Polizei durchsuchte Gebäude nach Drogen

Seit dem frühen Morgen hatten zunächst mehr als 60 Polizisten verdächtige Gebäude im beschaulichen Auetal durchsucht. Auch das SEK und Polizeihunde waren im Einsatz, um die richterlich angeordnete Suche nach Drogen zu unterstützen.

Mit Erfolg: Die Polizisten fanden eine Cannabis-Indoor-Plantage in einem landwirtschaftlichen Anwesen im Ortsteil Wiersen.

Rund 400 Pflanzen und verkaufsfertiges Marihuana stellten die Beamten sicher und nahmen drei Verdächtige vorläufig fest (hier geht’s zur Polizei-Pressemitteilung).

Feuerwehrleute sperren den Einsatzort ab (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Feuerwehrleute sperren den Einsatzort ab (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Polizisten entdeckten verdächtiges Fass

Bei der weiteren Suche stießen die Polizisten dann auf ein verschlossenes großes Metallfass, das laut Etikett eine giftige Chemikalie enthalten sollte.

Späteren Angaben zufolge hätte es sich um Isocyanat gehandelt, mit dem auch Pflanzenschädlinge bekämpft werden können.

In Deutschland ist es nicht mehr in Pestiziden zugelassen ist, wird aber zur Plastikverarbeitung genutzt.

Gefahr von Zyankali-Entwicklung

Wird das Mittel jedoch auf über 700 Grad erhitzt, setzt es das hochgiftige Kaliumcyanid frei, besser bekannt als Zyankali.

Schon 230 Milligramm wären für einen Erwachsenen tödlich – verständlich also, dass die Polizei offenbar kein Risiko eingehen wollte und die Gefahrgut-Experten der Feuerwehr zur Bergung anforderte.

Einsatzleiter Benjamin Heine bespricht das weitere Vorgehen mit der Polizei (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Einsatzleiter Benjamin Heine bespricht das weitere Vorgehen mit der Polizei (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Nach Rücksprache mit der Rettungsleitstelle Schaumburg wurde die Umweltschutzeinheit (USE) des Landkreises alarmiert. Rund 35 ehrenamtliche Frauen und Männer rückten aus, um das Fass zu bergen und den Inhalt zu überprüfen.

Unter der stechenden Mittagssonne begannen die Helfer mit der Vorbereitung der aufwändigen Bergung.

Umfangreiche Vorbereitungen

Nach einer kurzen Besprechung mit der Polizei entschieden sich die Führungskräfte um den Leiter der USE, Benjamin Heine, das verschlossene Fass zunächst durch ein Team in leichterer Chemie-Schutzkleidung unter Atemschutz aus dem Gebäude bergen und auf einem knapp 50 Meter entfernten Feldweg abstellen zu lassen.

Ein weiteres Team in Vollschutzanzügen sollte dann das Fass öffnen und Proben des Inhalts nehmen.

Schon beim Warten schweißgebadet: Ausgerüstet mit Vollschutzanzügen sitzen die Freiwilligen bei 33 Grad im Schatten unter einer Plane (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Schon beim Warten schweißgebadet: Ausgerüstet mit Vollschutzanzügen sitzen die Freiwilligen bei 33 Grad im Schatten unter einer Plane (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Die rund 35 Helfer mussten dafür umfangreiche Vorbereitungen treffen.

Während sich die beiden Teams und ein weiterer Sicherheitstrupp in die luftdichten Anzüge quälten und schon nach wenigen Minuten schweißgebadet waren, bereiteten andere Helfer weitere Geräte für die Dekontamination vor, die im Falle eines Chemikalienfundes nötig geworden wäre.

Auch die Stelle, auf der das Fass abgestellt werden sollte, wurde sorgfältig präpariert.

Mit Schaumstoff und Steinen wurde der unebene Untergrund des Feldwegs vorbereitet, um einen sicheren Stand zu gewährleisten und die Gefahr des Umkippens für das eingesetzte Team so gering wie möglich zu halten.

Präpariert: Der unebene Feldweg (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Präpariert: Der unebene Feldweg (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Reibungslose Bergung – Fass enthielt kein Gift

Gegen 13.20 Uhr betrat das erste Team mit einer Sackkarre das Gebäude und barg das Fass ohne besondere Komplikationen.

Mit leichten Schutzanzügen bergen zwei Feuerwehrleute das verschlossene Fass aus dem landwirtschaftlichen Anwesen (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)
Mit leichten Schutzanzügen bergen zwei Feuerwehrleute das verschlossene Fass aus dem landwirtschaftlichen Anwesen (Foto: n112.de/Stefan Simonsen)

Schon kurz darauf konnte es durch das zweite Team unter Vollschutz geöffnet werden: Zur Erleichterung der Helfer enthielt es anstelle einer giftigen Chemikalie allerdings wohl Säcke mit Pflanzenresten und Kleidungsstücken, dazu eine Take-Away-Tüte einer bekannten FastFood-Kette.

Nur Abfall: Das zweite Team findet keine giftige Substanz im Fass. Das erste Team wartet derweil im Vordergrund unter sengender Sonne, um im Notfall eingreifen zu können (Foto: n112.de/Stefan Simonsen
Nur Abfall: Das zweite Team findet keine giftige Substanz im Fass. Das erste Team wartet derweil im Vordergrund unter sengender Sonne, um im Notfall eingreifen zu können (Foto: n112.de/Stefan Simonsen

Für die unbezahlten ehrenamtlichen Helfer war der Einsatz damit beendet. Nach dem Rückbau des Materials und der Rückfahrt konnten sie wieder zu ihren Familien oder an die Arbeitsplätze zurückkehren.

Umweltschutzeinheit gibt es seit 2006

Die Umweltschutzeinheit des Landkreises Schaumburg besteht seit dem Jahr 2006, drei Jahre nach ersten Überlegungen und einer mehr als zweijährigen intensiven Vorbereitungsphase mit Schulungen der Helfer und Anschaffungen von Fahrzeugen und Geräten.

Sie kommt als Unterstützung der Ortswehren zum Einsatz, wenn z.B. spezielles Gerät erforderlich oder eine größere Lage zu bewältigen ist.

Seit 2016 leitet Benjamin Heine aus Lüdersfeld die Umweltschutzeinheit.

Hinweis: Alle Fotos sind für die eingesetzten Feuerwehren kostenlos zu erhalten. Bitte wendet euch bei Interesse mit einer offiziellen Mailadresse eurer Organisation an redaktion@n112.de! 

REDAKTIONELLER HINWEIS: Nach der ersten Veröffentlichung habe ich den Hinweis erhalten, dass das Etikett auf dem Fass auf Isocyanate hingewiesen hat, nicht wie ursprünglich geschrieben auf Kaliumcyanat. Die Reaktion bei Erhitzung hätte allerdings die selbe Gefahr der Entwicklung von Blausäure zur Folge gehabt. 

Ich habe den Text diesbezüglich um 11.35 Uhr korrigiert!